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      vor 2 Monaten

      Interview: Die ukrainischen Muslime im Krieg

      Auch die Muslime der Ukraine mussten sich wie ihre restlichen Landsleute auf die neuen Verhältnisse eines Lebens im Krieg einstellen. Interview: Marco Brás dos Santos

      (iz). Scheich Said Ismagilov ist Mufti der religiösen Verwaltung der Muslime der Ukraine, der sogenannten „Ummah“. Er gilt als einer der geistigen Führer der ukrainischen Muslime und hat sich zu Kriegsbeginn den „Territorialen Verteidigungskräften“ in Kiew angeschlossen. Momentan befindet er sich an der Front. Via Satellitentelefonie hält er Verbindung zu seiner Stellvertreterin Viktoria Nesterenko. Wir trafen sie zum Interview in seinem Büro.

      Frage: Wir sind im Büro des Scheichs. Wo ist er und was macht er gerade?

      Viktoria Nesterenko: Scheich Ismael stammt gebürtig aus Donezk. Dort war er bereits 2014 ein aktives Mitglied der Bürgerlichen Bewegung – noch bevor es in der Region mit den Aktivitäten der Separatisten begann. Nachdem Donezk besetzt wurde, war er gezwungen das Gebiet zu verlassen. Er ist mit seiner Familie nach Kyiv gekommen und hier weiter aktiv. Er ist offizieller Kaplan (Militärseelsorger) für die Ukrainische Bevölkerung sowie Armeeangehörige und ist seit 2014 in dieser Funktion aktiv. Er ist der Meinung, dass er sein Land zu verteidigen hat. Es schließt für sich die Option aus, irgendwo anders hinzugehen. Er hat seine Kinder und Frau im Ausland in Sicherheit gebracht und bleibt hier, macht das, was er macht.

      Sein Wohnsitz ist in Butcha. Nachdem er nach der Befreiung der Ortschaft zu seinem Haus zurückkehrte, fand er dieses geplündert mit herausgebrochenen Fenstern und Türen vor. Seit Kriegsbeginn war die Gefahr für Butcha offensichtlich. Er lebte deshalb hier im Büro und schlief dort auf dem Boden.

      Wir haben hier umgehend angefangen die Hilfsorganisation zu gründen. Im Nebenhaus befindet sich das Lager mit Hilfsgütern. Das Ziel der Organisation war die Unterstützung der muslimischen Kämpfer. Sowohl in der Territorialverteidigung als auch in der Armee – etwa eintausend Menschen. Darunter auch vereinzelt Frauen.

      Nachdem sich die Situation in Kyiv entspannte, trat der Scheich aus der Territorialverteidigung aus und reiste auf eine Mission in Frontnähe bei Lissitschansk. Dort transportiert und versorgt er Verwundete gemeinsam mit den Mediziner*innen.

      Frage: Wer bist Du und was machst Du?

      Viktoria Nesterenko: Ich bin Viktoria Nesterenko. Ich bin Vorsitzende der Rechtsschutz-Organisation „Zusammen mit dem Gesetz“, welche die Interessen der Musliminnen und Muslimen in der Ukraine vertritt. Die Organisation wurde 2008 vom islamischen Kulturzentrum gegründet.

      Ich bin mit Scheich Said seit langer Zeit befreundet, arbeite mit ihm gemeinsam und seit Kriegsbeginn haben wir eine Freiwilligenorganisation gegründet, um gezielt der Armee zu helfen.

      Primär war Scheich Said in der Territorialverteidigung. Seitdem die Situation sich etwas entspannte, – aktuell seit etwa zwei Wochen –, arbeitet er in der Gegend von Lissitschansk, das ist direkt an der Front im Osten.

      Für Fragen zur Situation der muslimischen Bevölkerung verfüge ich über die notwendigen Informationen und bin dazu autorisiert, darüber zu sprechen.

      Frage: Wie ist das Leben von Musliminnen und Muslimen in der Ukraine? Fühlte sich die islamische Gemeinde vor dem Krieg anders behandelt, als beispielsweise die Christen?

      Viktoria Nesterenko: Nein. Auf der rechtlichen Ebene lässt sich sagen, dass die Ukraine eine sehr reife Gesetzgebung hat. Im Bereich der Religionsfreiheit, also der Ausübung der Rituale, da gibt es absolute Freiheit, die gesetzlich garantiert ist.

      Frage: Das haben wir in Deutschland auch. Gleichwohl führen Musliminnen und Muslime hier ein Schattendasein und es existieren Vorurteile in der Gesellschaft.

      Viktoria Nesterenko: Das ist hier nicht anders. (lacht) Auf der sozialen Ebene, der Ebene der zwischenmenschlichen Konversation, existieren sehr viele Stereotype und Vorurteile. Nicht nur seitens der nichtmuslimischen Bevölkerung, sondern auch seitens der islamischen Bevölkerung.

      Muslimische Menschen, die nicht in der Ukraine geboren sind und die ethnisch keine Ukrainer sind, von unterschiedlichen muslimischen Ländern stammen, gelten definitiv nicht als integriert und assimiliert.

      Mit diesen Problemen versucht sich auch die geistliche Führung auseinanderzusetzen. Scheich Said war im Bereich der Gesellschaft immer sehr aktiv wie den Muslimen beizubringen, sich als Teil der ukrainischen Bevölkerung zu sehen, zu den Wahlen zu gehen und das Wahlrecht zu schätzen.

      Wir versuchen, ein gutes Beispiel für die islamische Gesellschaft zu sein. Seit Kriegsbeginn konnte man sehr deutlich sehen, wer bleibt, aktive Positionen annimmt und wer das nicht tut, wer sich in der Territorialverteidigung oder der Armee betätigt und wer nicht. Aktuell ist es so, dass die Grenzen der muslimischen Bevölkerung und der Nichtmuslimischen immer weiter verschwinden.

      Frage: Wen meinst Du mit „Wir“?

      Viktoria Nesterenko: Mich selbst, Scheich Said und muslimische Menschen, die eine bürgerliche Position entwickeln. Dazu zählen ethnische Ukrainer, Krimtataren und in anderen muslimischen Ländern geborene Menschen.

      Frage: Wie ist das Leben der muslimischen Menschen zu Kriegszeiten?

      Viktoria Nesterenko: Es haben sehr viele die Ukraine verlassen. Fast alle die aus Palästina, Syrien, Jordanien und Ägypten kamen, hier seit Jahrzehnten leben, Geschäfte unterhielten – fast alle haben das Land verlassen. Anders gesagt haben sie sich in zwei Gruppen aufgeteilt. Einige sind dorthin gegangen, wo es nicht gefährlich ist. Die anderen sind hier geblieben.

      Frage: Also Binnenflüchtlinge?

      Viktoria Nesterenko: Die Menschen, die hier blieben, sind geblieben, weil sie es wollten. Nicht, weil sie es nicht geschafft haben, rauszukommen. Diejenigen, die geblieben sind, beteiligen sich bei der Territorialverteidigung in der Armee.

      Es sind Muslime in den okkupierten Territorien geblieben. Es sind mindestens drei Moscheen zerstört worden. Das war in der Nähe von Cherson, in der Nähe von Donezk und in Mariupol. Und aktuell gibt es keine Verbindung zu den Gemeinden in diesen Regionen.

      Diejenigen, die das Land verlassen haben, versuchen, dem Land humanitäre Hilfe zukommen zu lassen oder die Dinge zugunsten der Ukraine zu beeinflussen. In meinem Bekanntschaftskreis gibt es Journalist*innen die sowohl aus der Ukraine, Niederlande oder Schweden auf das Leben der Muslime aufmerksam machen. Einer arbeitet bei Al Jazeera und übersetzt aus dem Russischen und Ukrainischen ins Arabische.

      Es gibt ein Problem bei Essensregeln. Halalprodukte waren zu Kriegsbeginn nicht zu finden. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass sich die Beziehungen zu Muslimen in Russland extrem verschlechtert haben. Gleiches gilt für Muslime aus Syrien oder Palästina, die Bashar al-Assad unterstützen. Sie sind von der russischen Propaganda überzeugt. Auch Muslime im Irak sind tatsächlich davon überzeugt, dass Putin hier mit Nazis kämpft. Ebenso Malaysia und Indonesien – Botschafter aus diesen Ländern haben sich an Scheich Said mit der Bitte gewandt, Reportagen zu produzieren.

      Die herrschende Meinung darüber ist dort zuerst „ein Kampf gegen die Nato und deren Provokationen“ sowie „ein Kampf gegen Nazis“ – was immer das sein mag.

      Frage: Was ist mit den Nazis in der Ukraine? In Deutschland wird die Rolle von Azov diskutiert.

      Viktoria Nesterenko: Ich kenne persönlich keine echten Nazis in der Ukraine. Ich habe sehr viele persönliche Freunde unter den Nationalisten und auch im Regiment Azov. Ich pflege gute Beziehungen mit ihnen und halte sie nicht für Nazis. Ja, das sind Nationalisten, aber das Programm kollidiert nicht mit meinen Überzeugungen. Ja, diese Menschen machen sich Tätowierungen. Ja, diese Tätowierungen können gedeutet werden, aber das sind keine Nazis.

      Frage: Was ist mit dem politischen Arm von Azov – dem sogenannten National Corpus?

      Viktoria Nesterenko: Ich weiß nicht viel über diese Bewegung. Ich halte sie nicht für Nazis. Gleichwohl kann ich nicht ausschließen, dass sich in den Reihen auch Menschen mit einer solchen Gesinnung finden.

      Sicher ist auch, dass es Nazis in der Ukraine gibt. Das ist natürlich, denn es gibt sie überall. Die Frage, die mich jetzt bewegt, ist das Verhältnis von Nazis und der muslimischen Bevölkerung in der Ukraine.

      Es gibt zahlreiche andere Strömungen in der Ukraine außerhalb des National Corpus, die extrem nationalistisch sind und versuchen, programmatisch gegen die muslimische, jüdische und ausländische Bevölkerung vorzugehen, um die weiße Rasse zu unterstützen.

      Eine davon heißt „Tradition und Ordnung“. Die andere ist „Karpaty Sich“, eine Art Militärvereinigung. Vor ein paar Jahren entstand auch eine weitere, nicht formelle Vereinigung, nachdem in Neuseeland – wie auch immer der Mensch heißen mag – Menschen in der Moschee massakrierte. (Gemeint ist der Terroranschlag auf zwei Moscheen in Christchurch am 15. März 2019)

      Wir haben als Rechtsschutz-Organisation die Aktivitäten dieser Vereinigung verfolgt. Diese Vereinigung heißt „Brenton Tarrant’s lads“. Sie existieren nach wie vor. Wir haben ein paar Mal mit dem Komitee der Staatssicherheit in der Ukraine zusammengearbeitet im Bezug auf diese Vereinigung. Daraufhin gab es einige Aktionen der Staatssicherheit gegen sie. Das betraf Druckhäuser im Untergrund, wo Literatur, Aufrufe und Flugblätter gedruckt wurden. Es hat sich herausgestellt, dass die führenden Mitglieder dieser Vereinigung russische Staatsbürger sind, die in der Ukraine leben. Sie benutzen einen bestimmten Kanal, „Brenton Tarrant’s lads“, auf Telegram und versuchen dort, russische Intentionen zu verbreiten – im Zusammenhang mit dem Kampf gegen Muslime und sonstige Gruppen.

      Ich erzähle das, damit verständlich wird, was die Wurzeln des Nazismus hier in der Ukraine sind.

      Frage: Hast Du eine Nachricht für die Menschen in Deutschland?

      Viktoria Nesterenko: Glaubt nicht der russischen Propaganda.

      Abdruck mit freundlicher Genehmigung von kreuzer-leipzig.de

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